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Endlich wieder Hunger!



Nagacadan Rice Terraces

Eine Ernährungskrise hat die Welt kalt erwischt. Jahrzehntelang war die Zahl der Opfer des Welthungers gesunken. Zuerst anteilmäßig, dann auch absolut. Am Schluss waren es nur noch 800 Millionen, die man als Unterernährte, Fehlernährte oder Hungernde bezeichnen konnte.

Die Hungerbranche, zusammengesetzt aus internationalen Organisationen, Forschungsinstituten, bilateralen und nichtstaatlichen Hilfsorganisationen und Gutmenschen weltweit, hatte unter dem scheinbar unablässigen Rűckgang des Welthungers gelitten.

Nichts motiviert die Spendenbereitschaft bekanntlich so sehr wie Hunger und Kinder. Oder besser noch hungernde Kinder. Nun, plötzlich, ist der Hunger wieder da. Mit Begeisterung stűrzen sich die Hungerbranche und die Medien auf das neue Phänomen. Die Zahl der Welthunger-Artikel in der Druckpresse explodiert, auch die dämlichsten Erklärungen werden begeistert gedruckt. Kanzlerin Merkel verweist auf eine zweite tägliche Mahlzeit der Inder und Chinesen als Auslöser der Krise. Fűr Andere sind die Agrarsubventionen der EU und der USA der Schuldige, oder auch der Anbau von Energiepflanzen fűr Treibstoff. Der Klimawandel darf natűrlich auch nicht fehlen, in Form der Dűrre in Australien, Űber wenig Themen lässt sich so salbungsvoll und kenntnisarm schreiben, wie űber den Welthunger. Scharen von angeblichen Hungerexperten, die sich jahrelang mangels Medieninteresse verkrochen hatten, sind nun wieder da und bieten ihre Weisheit feil. Fieberhaft arbeitet man in den Hungerhilfe-Organisationen an neuen Spenden-Kampagnen, allen voran beim Welternährungsprogramm der FAO und der Vereinten Nationen, das sich einerseits űber die ungewohnte Publizität freut, andererseits aber echt besorgt ist űber die Kűrzung der Beiträge seitens der USA und anderer Geberländer.

Es lässt sich nicht leugnen: der Hunger ist da. Er ist echt und schlimm. Der Reispreis ist in vier Monaten auf das Dreifache gestiegen, der Weizenpreis auf das Doppelte. In Ländern, die dem Markt erlauben, die Nahrungspreise zu regeln, ist die Teuerung unverdűnnt beim Verbraucher angekommen, oft noch verschärft durch Hortung und Spekulation. Wie das halt bei akuten Hungersnöten gewöhnlich der Fall ist.

In Ländern, die hingegen die Preise fűr Grundnahrungsmittel jahrelang, oft jahrzehntelang durch Subventionen kűnstlich verbilligt haben, ist die Lage noch dramatischer. Die Regierungen sehen sich nicht in der Lage, die Teuerung durch weitere Subventionen aufzufangen, aus Geldmangel. Oft gelingt es ihnen – wie etwa den Philippinen – garnicht, genűgend Grundnahrungsmittel – in diesem Fall Reis – einzufűhren, da große Exportländer einen Ausfuhrstop verhängt haben und der Weltmarkt leergefegt ist.

In solchen Ländern haben sich die Bevölkerungen aber an die kűnstlich verbilligten Nahrungsmittel gewöhnt. Im alten Ostblock wurde beispielsweise Brot massenhaft an Kleinvieh verfűttert, weil es billiger war als Getreide. In Ägypten kosten Brotfladen wenige Cents, weil die Regierung seit Jahrzehnten amerikanische Nahrungshilfe űber das PL480-Programm bezogen hat. Da es politisch schwierig ist, den Brotpreis jetzt auf ein realistischeres Niveau anzuheben, rettet sich die Regierung, indem sie das subventionierte Brot verknappt. Die Massen der Armen sehen sich gezwungen, entweder teures Brot am freien Markt zu kaufen, oder zu hungern. Proteste sind die Folge und Hungeraufstände drohen.

Zahlreiche Länder sind auch in besten Jahren nicht in der Lage, sich aus eigener Produktion zu ernähren. Ägypten gehört dazu, aber auch ein Gigant wie China. China verfolgt seit vielen Jahren die Politik, auf seinem knappen Boden Spezialitäten fűr den Export zu erzeugen, etwa Knoblauch, Tomatenkonserven oder Tee, um mit dem Erlös der Agrarausfuhren große Mengen billigen Getreides fűr seine Menschenmassen und Futtermittel fűr seine schnell wachsende Fleischproduktion zu importieren. Eine Rechnung, die nur aufgeht, solange der Weltmarkt preiswert liefert.

Seit Jahrzehnten konnte der Weltmarkt auf niedrigem Preisniveau funktionieren, weil die Welt-Landwirtschaft enorme Produktivitätszuwächse verzeichnete. Von der Pflanzenzűchtung bis zu Mechanisierung und Bewässerungstechnik, Schädlingsbekämpfung, Lagerung und Vermarktung blieb kein Aspekt ohne umwälzende Neuerungen. Doch vielen der Verbesserungen war eine Tendenz gemeinsam: sie erlaubten es nämlich, Erdöl und Erdgas in Nahrung zu verwandeln.

Bread by eva101

Billiges Erdgas erzeugte billigen Stickstoffdűnger, Erdöl diente der Herstellung anderer Agrarchemikalien, ermöglichte Anbau- und Ernte-Mechanisierung, trieb Bewässerungspumpen und heizte Getreidetrockner. Die Nahrungsűberschűsse der Vergangenheit entstanden großteils einfach durch Umwandlung von fossiler Energie in Nahrungsmittel. Mit der Verteuerung des Erdöls und Erdgases ist eine Epoche des Űberflusses zuende gegangen. Der Traum vom Schlaraffenland ist ausgeträumt, wie es scheint, fűr immer.

Natűrlich haben viele Zűchtungserfolge und Verbesserungen der Vergangenheit die Effizienz der Energieumwandlung in Nahrung verbessert. Mit einer Tonne Erdöl lassen sich heute wesentlich mehr Bushel Getreide erzeugen und zum Markt bringen als, sagen wir, 1960. Doch die Abhängigkeit der Landwirtschaft von fossiler Energie ist insgesamt nicht gesunken, sondern gestiegen.

Zwischen 1996 und 2008 stieg der Dűngemittelverbrauch der Entwicklungsländer um űber 50 Prozent, der gesamte Weltverbrauch um knapp ein Drittel. Im vergangenen Jahr verdreifachte sich der Preis einiger Dűngemittelsorten. Da Ernteerträge und Dűngemittelverwendung eng korrelieren, muss in vielen Anbaugebieten mit Produktionsrűckgängen oder/und Preissteigerungen bei Nahrungs- und Futtermitteln gerechnet werden. Am empfindlichsten werden wahrscheinlich Afrika sűdlich der Sahara und Monsunasien getroffen werden.

Jene Länder, die den Dűngemittelverbrauch durch Subventionen gefördert haben, stehen nun vor der Wahl, entweder die Subventionen zurűckzufahren und damit ihre Ernten zu gefährden, oder ihren Haushalt durch die emporschnellenden Subventionen zu ruinieren.

Die jetzige Ernährungskrise trifft nicht alle Länder gleichmäßig. Die reichen Länder erleben zwar ein Problem mit der Versorgung ihrer ärmsten Bevölkerungsschichten, können jedoch insgesamt die bisherigen Preissteigerungen ohne große Műhe schultern.

Die ärmsten Länder sind nicht immer hart von der Krise betroffen. Wo noch ländliche Selbstversorgungswirtschaft herrscht, wie in Teilen Afrikas, spielen die Weltmarktpreise fűr Nahrungsmittel und Produktionsmittel keine große Rolle.

Am schlimmsten leiden vielmehr Länder auf mittlerem Entwicklungsstand, die ihre Ernährung seit langer Zeit dem Weltmarkt anvertraut haben. Wo Nahrungssubventionen herrschen, ist die Lage noch trauriger. Durchaus im Sinne des schottischen Landpfarrers Thomas Robert Malthus haben billige Nahrungsmittel in Ländern, in denen Ernährung den Großteil der Lebenshaltung ausmacht, zu enormem Kinderreichtum gefűhrt. In Ägypten, beispielsweise, ist die Bevölkerung von 19 Millionen um 1950 auf heute rund 70 Millionen angewachsen. Präsident Gamal Abdel Nasser konnte noch 1955 behaupten, es gebe keinen Hunger in Ägypten, da man schlimmstenfalls einfach vor's Haus gehen und eine Banane pflűcken könne. Inzwischen sind die Bananen rar und der Hunger steht vor der Tűr.

Wenn man Malthus variieren wollte, könnte man behaupten, dass in zahlreichen Ländern Erdöl und Erdgas in Kinder umgewandelt worden sind. Nun stehen diese Länder vor der Aufgabe, ihre angeschwollenen Bevölkerungen zu ernähren. Die Fehler der Vergangenheit rächen sich schrecklich: wer von den Politikern glaubte, die Nahrungssubventionen und Dűngemittelsubventionen seien ein vorűbergehendes Űbel, und rascher wirtschaftlicher Aufstieg werde das Land davon erlösen, sieht sich getäuscht. Der Hunger könnte im Gegenteil nun den műhsam erzielten wirtschaftlichen Aufstieg zunichte machen.

Sind also Massen-Hungersnöte unausweichlich? Keineswegs. Es gibt noch Freiräume, die besetzt werden können. Der wichtigste Freiraum ist die Substitution von Nahrungsmitteln. Um das zu verstehen, ist ein kurzer Rűckblick nötig.

Bevor sich um 1950 die Modernisierung der Landwirtschaft weltweit beschleunigte, sah die Ernährung großer Bevölkerungen anders aus als heute. In weiten Teilen Asiens, in Westafrika und Lateinamerika war Reis keineswegs das Grundnahrungsmittel, das er heute darstellt. Knollenfrűchte, Wurzeln und lokale Getreide wie Hirse und Sorghum nahmen den Platz auf dem Speiseplan ein, den heute Weizen und Reis einnehmen. Hohe Erträge pro Hektar, geringer Bedarf an Mineraldűnger und niedrige Schädlingsempfindlichkeit kennzeichnen die alten Grundnahrungsmittel, die herrschten, als Reis und Weizen noch Luxus-Getreide fűr die reichen Schichten waren.


Inzwischen haben sich die Menschen beispielsweise auf Madagaskar daran gewöhnt, morgens, mittags und abends Reis zu essen. Das ist wohlschmeckend und einfach zuzubereiten. Eine Suppe aus gekochten grűnen Blättern dazu, und fertig ist ein gesundes Mahl.

In der Rűckkehr zu ertragreichen Frűchten wie Maniok (Cassava), Sűsskartoffeln, Yams, Kartoffeln, Taro und Kochbananen liegt ein Freiraum, der das Kalorienangebot steigern kann zu Kosten, die erheblich unter denen von Reis und Weizen liegen. Auch bei Knollen und Wurzeln sind dank der Zűchtungserfolge internationaler und staatlicher Forschungsinstitute große Fortschritte erzielt worden, die es zu nutzen gilt.

Es ist Aufgabe der Agrarpolitiker in armen und auf Nahrungseinfuhr angewiesenen Ländern, sowohl die Nahrungsproduktion wie auch die Verzehrgewohnheiten schrittweise vom Erdöl zu entwöhnen.

Das wird schmerzhaft sein. Aber es ist möglich.

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—— Heinrich von Loesch